Spirituelles

  • Wort der Woche
  • Predigt Patronatsfest St. Michael 2018

Allerseelen - Zeig uns im Tod das Leben

Gib uns im Dunkel, Herr, Dein Licht!
Zeig uns im Tod das Leben!
Wend her zu uns Dein Angesicht!
Wir können uns, hilfst Du uns nicht,
nicht aus der Nacht erheben.

Wir wissen nicht den Sinn der Welt,
verstehn nicht Lauf und Zeiten,
und nichts ist, das uns birgt und hält,
und alles, was wir halten, fällt
samt uns in Dunkelheiten.

Sinkt alles hin, hinab zum Tod,
Gestirn und Menschenkinder,
Du aber bleibst, Du ewiger Gott,
in aller Welt-und Erdennot
der Herr und Überwinder.

Wir schaun Dich an in Jesus Christ
und nennen Deinen Namen
durch Ihn, der Deines Wesens ist
und der uns zeigt, dass Du, Gott, bist
Licht, Leben, Liebe, Amen.

Arno Pötsch

 

Patronatsfest St. Michael 2018

Liebe Schwestern und Brüder,
In der liturgischen Feier der Kirchweihe kommt dem Bezug zum Kirchenpatron eine ganz besondere Bedeutung zu. Sein Name wird im Gebet der Litanei angerufen und er wird im eucharistischen Hochgebet ausdrücklich genannt. Dieser Brauch, eine Kirche und damit die darin versammelte Gemeinde unter den besonderen Schutz eines Heiligen zu stellen, geht bereits in die ersten Jahrhunderte christlichen Lebens zurück. Ursprünglich war er mit der Verehrung von Märtyrergräbern in den einzelnen Kirchen verknüpft. Später wird damit stärker der Grundgedanke verbunden, dass Kirche und Gemeinde gleichsam in das Besitzverhältnis des gewählten Patrons übergehen.

Dabei ist allerdings Missverständnissen vorzubeugen, sind die Beziehungen recht zu sehen: Denn im Kirchenbau wird gleichsam bildhaft für uns Menschen jener Eckstein gelegt, der niemand anderer ist als Jesus Christus. Er ist der innere Grund jedes Kirchenbaues, so wie er Fundament und Haupt jeder christlichen Gemeinde ist.

Wir wissen aber alle, dass wir auf unseren Lebenswegen, in der Kirche, der Stütze, der Begleitung, der Orientierung und Hilfe bedürfen. Deshalb verweist uns die Kirche auf Menschen, die in ihrem Leben in ganz besonderer Weise Gott und damit Jesus Christus in die Mitte ihres je persönlichen Lebens gestellt haben und die wir Heilige nennen. Und deshalb gibt sich jede Gemeinde selbst anlässlich der Kirchweihe eine besondere Orientierungshilfe, wenn sie ihren Patron oder ihre Patronin wählt. Die Kirche, ja jede konkrete Gemeinde, bleibt allerdings eine Kirche Jesu Christi. In ihrer Weihe an einen bestimmten Heiligen oder eine Heilige oder ein himmlisches wesen kommt ihre Zuversicht auf Schutz und Fürsprache durch den Patron oder die Patronin zum Ausdruck.

Und wir, liebe Schwestern und Brüder, feiern heute das Fest des heiligen Erzengels Michael als zweites Patronatsfest unserer Kirche. Engel begegnen uns in der Bibel in verschiedenen Bereichen. Sie sind hineingestellt in den Schnittpunkt göttlich-menschlicher Kommunikation. Sie treten als Boten Gottes, als Beschützer des Menschen, als Wesen um den göttlichen Thron in Erscheinung, zugewiesen unserem Gott und dienstbar im Blick auf das Heil des Menschen. Vielleicht denken manche von Ihnen: Gibt es das? Muss man als Christ so denken oder gar glauben?

Schwestern und Brüder, die geschichtliche Frage allein steht nicht im Vordergrund. Wo die biblischen Texte über Engel sprechen, tun sie das vielfach in bildhaft entfalteter Ausdrucksweise, um damit in der Ausdruckswelt ihrer Zeit mit allem Nachdruck deutlich zu machen, dass Gott sich uns Menschen zuwendet und auf verschiedenen, ja allen ihm möglichen Wegen unser Heil sucht und will.

Nach der Aussage der Heiligen Schrift ist es der Erzengel Michael, der namens und im Auftrag unseres Gottes den endzeitlichen Kampf mit dem Bösen, mit dem Satan bestreitet (vg. Dan 12,1; Offb 12,7): Durch sein Bemühen ist die Herrschaft Gottes endgültig und unwiderruflich aufgerichtet aufgrund von Tod und Auferstehung Jesu Christi. Auch hier gilt es den Akzent richtig zu setzen: Unser Heil kommt vom auferstandenen Herrn; unser Weg zum endgültigen Heil aber darf begleitet sein von dem, der uns im Namen Gottes in der Auseinandersetzung mit den vielfältigen, gottfernen Geistern und Mächten dieser Welt beisteht.

Der Name ‚Michael’ umschreibt ein Urproblem, eine Frage und eine versucherische Haltung zugleich: Micha-el – wer ist wie Gott, wer kann Gott gleich sein? Ist dieser Name fragender Ausdruck jenes heimlichen Strebens in uns, uns selbst in der heutigen Zeit unseren Gott zu fertigen, den wir dann manipulieren und einstellen können nach unserem Ermessen, etwa wie einen Automaten? Keiner von uns ist dagegen gefeit. Oder ist dieser Name Ausdruck jener Frage, die wir aus dem Bewusstsein unserer Menschlichkeit im Glauben an den, der uns geschaffen hat, beantworten können: Keiner, auch nicht die Engel sind wie unser Gott.

Liebe Mitchristen, ein Fest wie das Heutige, soll uns innehalten lassen, das soll uns fragen lassen: Wer bin ich eigentlich und wer ist Gott? In welchem Verhältnis, in welcher Beziehung stehe ich zu ihm? Von IHM geschaffen, stehen wir, ob wir das wollen oder nicht, sozusagen in einer verwandtschaftlichen Beziehung zu ihm. Gott hat Engel gebraucht, um seinen Willen den Menschen kundzutun: Michael, wer ist wie Gott? Gabriel: Kraft Gottes; Raphael: Gott heilt.

Gott braucht auch heute noch Engel, Boten, die seinen Willen den Menschen unserer Tage  kundtun. Und wer sind diese Boten heute? Ganz einfach: das sind wir, liebe Mitchristen. Oder besser gesagt, das sollen wir sein. Sie und ich. Engel sind Menschen, die Licht weitergeben. Wo sie sind, wird alles hell und klar. Engel sind Menschen, die eine Art ursprüngliche Freude aus dem Paradies mitbekommen haben. Engel helfen auf die Beine, wo Menschen am Boden liegen, und halten auf unsichtbare Weise die Welt im Lot. Engel sind z.B. auch die Frauen und Männer, die etwa in Sozialstationen und Seniorenheimen arbeiten, die in den Sozialausschüssen unserer Pfarreien tätig sind, die in der Nachbarschaft die Augen offen halten für die Bedürfnisse des Nächsten. In ihnen spüren wir ein wenig das Geheimnis einer unergründlichen Güte, die uns umarmen will. In diesen Menschen fühle ich Gott zu mir kom-men mit seiner Zärtlichkeit und seiner umsichtigen Sorge und Liebe.

Ist es Ihnen vielleicht nicht auch schon einmal so ergangen, dass Sie ein Problem hatten und nicht so recht damit fertig wurden. Und da bekam über eine unsichtbare Antenne irgendwo jemand eine Eingebung, eine Art Befehl, zu Ihnen zu gehen, Ihnen zu helfen, Ihnen einen Schubs zu geben oder Sie zu trösten. Und dann Ihre Antwort auf eine solche Begegnung: „Du bist ein Engel“, und Sie waren erleichtert, sehen wieder Licht, die Qual ist weg. Aber Engel kommen nicht auf Bestellung oder gegen Bezahlung. Meist tauchen sie ganz unverhofft auf, zeigen den Weg, lösen ein Problem und sind, ohne auf Dank zu warten, wieder weg.

Schwestern und Brüder, es gibt noch Engel in der Welt, aber viel zu wenig. Darum herrscht noch so viel Finsternis und so viel Elend. Gott ist auf der Suche nach Engeln unter den Menschen von heute. Aber viele sehen ihn nicht mehr, hören ihn nicht mehr. Ihre Antenne empfängt nicht mehr und gibt nichts mehr weiter. Und daher kommen auch die Probleme, die manche Menschen in Hass und Feindseligkeit, in Gewalt und Terror zum Ausdruck bringen, weil eben Gott nicht mehr ihr Lebensfundament, ihre Orientierung ist. Im Katholizismus gibt es keine Fremden, keine Ausländer; sondern alle Menschen sind Ebenbilder Gottes. Und daher müssen wir uns immer wieder fragen: Wie sieht es damit bei uns aus? Gott braucht ganz besonders auch heute Engel, damit seine Lebendigkeit, seine Liebe durch sie spürbar werden kann. In unserer Umgebung gibt es genügend Menschen, für die Sie und ich Engel sein können um damit ein gelingendes Leben zu ermöglichen.

Ja, Schwestern und Brüder, lassen wir uns dazu von Gott gebrauchen und Engel sind dann nicht weltferne oder gar weltfremde Wesen, sondern sie leben mitten unter uns. Und dadurch ist es auch möglich, sich als lebendige Kirche und schließlich als lebendige Gemeinde zu zeigen, in der alle Menschen guten Willens Zukunft und Hoffnung haben. Amen.

P. Ludwig Eifler O.Carm.