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  • Predigt Ostern 2018

4.Sonntag der Osterzeit – der Sonntag des Guten Hirten   22. April 2018

Wärst du mein Hirte, nichts würde mir fehlen

Führ mich zu blühenden Weiden,
lass mich lagern an strömendem Wasser,
dass meine Seele zu Atem kommt,
dass ich die rechten Pfade wieder gehen kann,
dir nach.
Du mein Hirte? Nichts würde mir fehlen.

Muss ich in den Abgrund, die Todesschlucht,
dann packt mich die Angst - bist du bei mir,
werde ich nicht sterben vor Angst.
Du hast den Tisch schon gedeckt,
meine Spötter wissen nicht, was sie sehen:
dass du meine Füße wäschst, sie salbst mit Balsam,
mir einschenkst. Trink nur, sagst du.
Nichts wird mir fehlen.

Lass es so bleiben, dieses Glück,
diese Gnade, all meine Lebenstage.
Dass ich bis ans Ende meiner Jahre
wohnen werde in deinem Haus.
Du mein Hirte, nichts wird mir fehlen.

Nach Psalm 23 in der Übersetzung von Huub Oosterhuis

 

Ostern 2018,

Liebe Christen,

bereits seit Beginn des Jahres konnte man in den Regalen der Supermärkte, wenn auch noch ein wenig versteckt, die ersten Osterhasen und Ostereier in den verschiedensten Formationen entdecken. Denn das Osterfest ist ja in diesem Jahr kalendarisch sehr früh. Neben Weihnachten ist es in der Tat wohl das werbeträchtigste Fest. Was man daraus nicht alles machen kann. Doch frage ich mich, was hat das mit Ostern zu tun? Was hat das mit  dem  Ostern zu tun, das wir Christen feiern? Mir scheint, viele Mitmenschen, leider auch Christen, tun sich schwer mit dem Ostern der Christen. Daher brauchen wir auch gar nicht verwundert zu staunen, wenn wir auch in diesem Jahr wieder lesen können: „Oster-Ursprung oft unbekannt“. Daher hat sich wohl auch im Laufe der Zeit das Brauchtum, das sich um Ostern herum gebildet hat und das ursprünglich durchaus einen religiösen Hintergrund hatte, verselbständigt. Für manche hat sich daraus ein Ersatz gebildet für den eigentlichen Inhalt des Festes. Denn schließlich wollen Mann, Frau und Kinder ja feiern. Es gibt aber auch viele unter uns, auch unter uns Christen, die das Ostern der Christen gar nicht oder nicht mehr interessiert. Hauptsache, sie haben ein paar freie Tage, ein verlängertes Wochenende oder gar Ferien und Urlaub. Doch schauen wir uns einmal ganz persönlich an. Was bedeuten uns die drei österlichen Tage noch: Gründonnerstag, Karfreitag, die Auferstehungsfeier, der Ostersonntag? Dieser eine Gottesdienst, der mit der Messe vom Letzten Abendmahl beginnt, mit der Liturgie vom Leiden und Sterben Jesu an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt und der schließlich in der Auferstehungsfeier seinen Höhepunkt erreicht? Vielen Christen, auch hier unter uns, scheint das Gespür verloren gegangen zu sein für dieses Heilige Triduum, für diese Heiligen Drei Tage, die den Höhepunkt im Leben von uns Christen bilden oder sage ich vielleicht besser, bilden sollten. Vielen sogenannten Erwachsenen, ist wohl auch das Gespür dahingehend verloren gegangen was es heißt, Liturgie zu feiern, ganz zu schweigen von der tätigen Mitfeier. Was kann ich dann von Kindern und Jugendlichen erwarten?

Schwestern und Brüder, es gibt kein Ostern ohne den Gründonnerstag und es gibt noch weniger ein Ostern ohne den Karfreitag. Ja, es gibt kein Ostern zum Nulltarif. Ostern, das höchste Fest der Christenheit, ist höher wie Weihnachten. Gewiss, beide Feste gehören zusammen, bauen aufeinander auf. Denn ohne Weihnachten gäbe es auch kein Ostern. Ohne das Ja-Wort von Maria hätte Jesus nicht Mensch werden können, und ohne das Ja-Wort von Jesus zum Willen des Vaters gäbe es keine Erlösung, wären wir Menschen zum Untergang verurteilt oder gar verdammt. Weil zwei Menschen sich dem Anruf Gottes stellten, konnte die Versöhnung zwischen Gott und der Menschheit hergestellt, die Erlösung bewirkt werden. Doch die geschah ja bekanntlich nicht auf einem gemütlichen Spaziergang oder bei einer etwas schwierigen Bergtour, sondern durch den Kreuzweg und schließlich den Tod Jesu am Kreuz. Und wer einmal erlöst werden will, kommt also in irgendeiner Form am Karfreitag nicht vorbei. Leiden, Tod und Grab können nicht schöngeredet oder wegdiskutiert werden. Sie sind harte Realität. Sie geben die Richtung an, ob wir das wollen oder nicht. Immer wieder werden wir damit konfrontiert. Denken wir nur an die vielen schrecklichen Ereignisse der vergangenen Tage, etwa in Paris, oder an die Brandkatastrophe in Russland. Und trotz allem zeigen sie uns den Weg zur Auferstehung, zum wahren, zum ewigen Leben. Es gibt keinen anderen Weg dorthin. Es gibt für uns Christen nur den Weg Jesu Christi. Er selbst hat seinen Jüngern und damit auch uns ins Stammbuch geschrieben: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ Und diese Nachfolge mit allen Konsequenzen, so wie sie Jesus selbst auch verwirklicht hat, scheint mir für viele unter uns kein Thema mehr zu sein. Die Umfragen bestätigen es.

Allerdings, so muss ich durchaus sagen, habe ich Verständnis für diejenigen, die sich mit Leiden, Sterben, Tod und Auferstehung Jesu, aber auch insgesamt mit Leid und seinem Verständnis, schwer tun. Auch die Jünger Jesu mussten diese Themen schrittweise lernen und zu begreifen suchen. Denn sowohl die Frauen wie auch die Jünger selbst hatten es mit einem leeren Grab zu tun. Der Ostermorgen war für sie bestürzend. Ratlosigkeit machte sich breit. Da ist zunächst nichts zu spüren von Osterfreude, da ist keine Hallelujastimmung. Und von Glauben kann gewiss auch keine Rede sein, zunächst nicht  einmal eine Spur davon. Jesus selbst musste den Jüngern die Augen öffnen durch die verschiedenen nachösterlichen Begegnungen. Das konnte aber nur deswegen geschehen und auch fruchten, weil die Jünger trotz Staunen, Verwunderung, Entsetzen, aber auch Enttäuschung offen waren für solche Begegnungen und für das, was Jesus ihnen sagte.

Und hier scheint mir, liebe Schwestern und Brüder, für unsere heutige Zeit und die Menschen in ihr das Problem zu liegen: Die fehlende Bereitschaft und Offenheit für die Begegnungen mit Jesus, dem Auferstandenen; für Seine Botschaft, die ER uns zu sagen hat in der Heiligen Schrift, in der Eucharistie, im persönlichen Gebet. Gleichgültigkeit, Interessenlosigkeit Gott und seiner Kirche gegenüber scheinen die Oberhand bei vielen Menschen unserer Tage gewonnen zu haben. Viele sind dadurch aber auch orientierungslos geworden, leben einfach

so dahin. Liegen hier aber nicht auch die Wurzeln für eine Radikalisierung vieler Menschen, weil das christliche Menschenbild bei vielen verlorengegangen ist? Woran mag es liegen? Ursachenforschung ist durchaus angesagt, auch und gerade was die Glaubwürdigkeit von uns Priestern und Ordenschristen angeht, aber auch die Art und Weise der Verkündigung der frohen Botschaft Jesu durch die Hauptamtlichen in der Pastoral, aber auch durch alle Christen; einer Botschaft, die durchaus in der Lage ist, Perspektiven, Richtung und Wege hin zu einem positiven Handeln und Leben insgesamt aufzuzeigen. Doch eine Orientierung an ihr muss der Mensch „mit seiner ganzen Existenz vollziehen. Das ist nicht etwas, was man wie eine neue Erkenntnis rein passiv aufnehmen kann. Da ist nicht der Verstand gefragt, sondern das Herz.“ So sagte es einmal Bischof Hermann Josef Spital. Aber auch Strukturreformen allein lösen diese Probleme keineswegs. Und ein Pfarrgemeinderat, der nur von Programmen und Tagesordnungspunkten spricht, von Aktionen und Sofortmaßnahmen, von Modellen und neuen Perspektiven, von Problemen und Meinungsäußerungen, von Strukturen und Gemeindebildung und der nicht mehr von Jesus und über Jesus spricht, nach dessen Meinung und Leben in der Bibel fragt und dabei Jesus still am Kreuz hängen lässt, da stimmt was nicht. Da ist sozusagen Wurzelbehandlung angesagt.

Schwestern und Brüder, der Stein ist weggewälzt vom Eingang des Grabes. Jesus lebt und ruft uns heraus, damit wir mit IHM leben und mit IHM gehen und mit IHM Steine wegwälzen und Gräber öffnen und so Menschen erwecken zu neuem unsterblichem Leben, zu neuer, unsterblicher Liebe, zu einem Leben in Versöhnung und Frieden, zu einem Leben in Freude und Dankbarkeit, zu einem Leben mit Zukunft und Hoffnung. Durch die Taufe und die Firmung haben wir dazu unseren Auftrag bekommen und ich selbst zusätzlich noch durch meine Ordensprofess und die Priesterweihe. Wir sind herausgerufen, neue Wege zu gehen und ihnen zu vertrauen, weil wir auf diesen Wegen Jesus und damit Gott an unserer Seite haben.

Und deswegen, Schwestern und Brüder, lassen wir uns alle doch mehr und mehr vom Osterlicht, von Jesus Christus, anstrahlen, ja, entzünden wir uns an IHM, damit wir dieses Licht widerstrahlen hinein in die Traurigkeiten und Dunkelheiten des Lebens vieler unserer Mitmenschen denen wir begegnen, damit sie wieder neue Hoffnung und Zuversicht durch uns erfahren. Lassen wir den Auferstandenen in uns die Quelle unserer Liebe sein, unser Heil, unser Licht und Leben. Dann haben wir verstanden, dass der Karfreitag dazugehört; dann haben wir verstanden, was das Ostern der Christen bedeutet und wir bleiben nicht am reinen Brauchtum hängen. Denn Brauchtum allein, so gut und wichtig es auch ist, schenkt keinen Osterglauben. Die Sache Jesu, die Sache Kirche, braucht vielmehr Begeisterte, braucht Menschen, deren Quelle gesundes, reines, klares Wasser ist: Jesus und seine Botschaft.

Mit einem Wort von Anton Rotzetter, das gleichzeitig mein Wunsch für Sie alle zum diesjährigen Osterfest ist, möchte ich schließen:

Ich wünsche Dir,
dass die Auferstehung Dein Leben prägt:
dass aus manchem dürren Zweig Deiner Enttäuschung
neues Leben bricht;
dass das Feuer der Begeisterung Deine Nacht erleuchtet;
dass die Leuchtspur der Auferstehung Deinen Kreuzweg erhellt;
dass Du Menschen findest,
die das Brot mit Dir teilen;
dass Du spürst:
der Auferstandene ist bei Dir,
ja, er lebt in Dir,
er lebt mitten unter uns allen
und damit mit uns allen. Amen.

P. Ludwig Eifler O.Carm.